Die zwei Gesichter des Mai – Mittwochsblog

Die zwei Gesichter des Mai – Mittwochsblog

Wilde Reise im Mai

Der Mai hat für sie zwei Gesichter.

Der liebste Monat in der Natur: Die Mauersegler kommen zurück. Die Wiesen zeigen das schönste Grün des Jahres. Im Wald kann sie nicht genug bekommen von den zarten Buchenblättern. Diese feinen Härchen an den Rändern machen sie fertig. Wie kann etwas so Feines und Zartes überhaupt in der freien Wildbahn existieren? Einfach so! Und wenn dann noch die Sonne auf diese lindgrüne Pracht scheint. So viel Schönheit kann sie kaum aushalten.

Dann die Rapsfelder in diesem Knallgelb, das eigentlich eine Dreistigkeit ist. Der Raps schämt sich jedenfalls kein bisschen dafür, dass er so prächtig ist und die Landschaft dominiert. Blühende Obstbäume versprechen reiche Ernte irgendwann später. Viel später. Wolken von Wiesenschaumkraut – wisperdünne Blättchen in weiß und dem allerzartesten Lilaton.

Bei ihr im Garten blüht jetzt ein Busch, den sie „Duftlorbeer“ getauft hat. Sein Duft ist so schön, dass sie die Verwendung des Wortes „betörend“ sehr angemessen findet. Etwas Schöneres zu riechen kennt sie nicht. Das finden die Bienen, die den Busch umsummen, übrigens auch. Sie hat sie gefragt.

Fahren durch die Landschaft vor der Haustür ist ihr jetzt am Allerliebsten im ganzen Jahr. Jetzt ist alles am schönsten: Leicht, licht und voller Versprechen, Blühen und prallem Wachstum.

Die köstlichste Zeit des Jahres noch dazu: Es gibt die ersten Erdbeeren.  Nie schmecken sie ihr so gut wie jetzt. Ihr Frühlingsfrühstück: Corn flakes und Hafermilch. Eiskalt. Dazu einen Haufen frische Erdbeeren.

Und dann sind da die Eisheiligen und das zweite Gesicht des Mai, das er für sie seit 1997 hat.
An diesem ersten Mai ist ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen: Metastasen. Knochen, Leber, Gehirn. Die drei Tumore im Kopf inoperabel am Atemzentrum.
Am 21.Mai ist die Mutter gestorben. Juni 1950 – Mai 1997. Ein paar Tage später stand sie am Grab.

Am zweiten Sonntag im Mai ist Muttertag.

Ihr Mai ist das Kondensat von dem, was sie inzwischen glaubt, über das Leben, das Universum und den ganzen Rest gelernt zu haben: Es findet immer alles gleichzeitig statt. Helles und Dunkles. Leichtes und Schweres. Dazu noch alle Stufen dazwischen. Das Ganze ist weder das Eine noch das Andere. Eine Erkenntnis, die so banal wie wahr ist. Das behauptet sie jedenfalls, wenn man sie danach fragt.

Das Schöne drohte dann, sich für sie unerträglich schön anzufühlen. Herzzerreißend schön eben. Denn wenn sie das Schöne fühlen konnte, weil sie sich nicht mehr betäubte, musste sie auch das andere fühlen – den Schmerz. Sie will das nicht! – Doch sie weiß, dass genau das ist der Trick ist: Wenn sie es doch tut, macht das eine das andere irgendwann erträglich. Nicht gleich. Leider. Erst wird es schlimmer.

Mit verheultem Blick eine Frühlingslandschaft anschauen und sie für wahr halten. Da will ihr Herz mächtig zusammengehalten werden, damit es nicht zerbirst. Luftholen hilft ihr dann ein wenig. Irgendwann hält es dann auch so. Darauf hofft sie jedenfalls, wenn sie im Mai wieder auf dem Friedhof am Rand vom Dorf steht, mit einem Blumensträußchen. Von irgendwoher weht Duft von blühenden Bäumen herüber.

 

….

Im Mai erzähle ich in der Wilden Reise von meiner Mutter.
Von der Zeit als sie da war und von der Zeit, als sie nicht da war.



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