Das Saarpolygon, meine Mutter und ich – Mittwochsblog

Das Saarpolygon, meine Mutter und ich – Mittwochsblog

Wie ist das Verhältnis zu deiner Mutter?

– Hmmm … das kommt drauf an, von wo man guckt!

Neulich hatte ich den Auftrag, einen Artikel über die Saarschleife zu schreiben. Und weil das nicht ganz platzfüllend war (so schön das dort auch ist!), habe ich noch ein bisschen rechts und links recherchiert. Dann meinen Bruder befragt, der in Saarbrücken wohnt und mir von ihm ein paar Insider-Tipps geholt. Und der war wiederum erst ein paar Tagen vorher beim Saarpolygon gewesen und das hatte ihn ziemlich beeindruckt.

Das Saarpolygon ist eine riesige Stahlkonstruktion, die auf einer ehemaligen Abraumhalde steht. Man kann sogar auf sie raufsteigen und von oben einen großartigen Rundblick genießen.

Das Faszinierende am Polygon ist aber, dass es von allen Seiten anders aussieht. Je nachdem, von wo man schaut, sieht man entweder eine Torbogen, ein Dreieck oder ein „X“ mit einem Querbalken oben.

Das Verhältnis zu meiner Mutter ist wie das Saarpolygon

– es sieht von jeder Seite anders aus.

Seit Anfang Mai mache ich mir schriftlich intensiv Gedanken über meine Mutter. Das ist an sich nichts Neues. Das Vorhaben war, über die Zeit zu schreiben als sie noch da war und über die Zeit, als sie nicht mehr da war. Die beiden Zeiträume sind inzwischen fast gleich lang. Sie ist 1997 – also vor 24 Jahren- gestorben, da war ich 27 Jahre alt.

Weil ich mir darüber natürlich schon sehr, sehr, sehr viele Gedanken gemacht habe, hatte ich erwartet, dass das ein Leichtes sein würde. Ich müsste nur aufschreiben, was ich schon längst im Kopf fertig sortiert hatte. Ich hatte mir sogar schon einzelne Themen und Facetten überlegt, die ich besprechen wollte.

Es sollt um ihr viel zu jung Sterben gehen. (Sie war erst 46.) Darum, wie seltsam sich mein 47.Geburtstag und die Zeit rundherum anfühlte. (Ich war jetzt älter als sie.) Wie sie mit ihrer Krebserkrankung umging oder ebennicht. Wie ich um sie trauerte oder eben nicht.

Doch jeder Artikelentwurf und jede Idee, die ich anfing zu schreiben, zerfaserte nach ein paar Absätzen im Ungefähren, Undeutlichen oder Unsäglichen. Ich merkte, dass mein Schreiben weder ihr noch unserem Verhältnis und auch nicht den Themen gerecht werden konnte.

Wenn ich nur einen Aspekt rausgreifen würde, würde viel zu viel ungesagt bleiben. Es gibt nicht die „typische Szene“, die wie im Roman alles symbolhaft beschreibt. Es gab nicht die eine dominierende Eigenschaft. Dazu war meine Mutter zu wenig greifbar, zu wenig „typisch“ in ihrem Verhalten. Es gab immer ein einerseits und ein andererseits. Und dann noch eine ganz andere Perspektive. Und jede Menge eingewobene Gefühle: Frustration, Zuneigung, Wut, Schuldgefühle, Scham und sogar Mitleid.

Habe ich mir einfach zu viel vorgenommen?

Natürlich habe ich das! – Es ist doch gar nicht möglich, irgendeinem Menschen mit nur einer knappen Handvoll Texte gerecht zu werden. Erst recht klappt das nicht mit einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Tochter auf jeden Fall den Dickschädel der Mutter geerbt hat. Dazu Sternzeichen Skorpion. Was hatte ich mit da eigentlich ausgedacht? Mutter-Tochter-Konstellationen füllen ganze Bibliotheken!

Also was tun?

Wenn ich in mich hineinhöre, ist es Zeit, eine Pause bei der „Wilden Reise“ einzulegen. Ich sehe gerade keinen Weg vor mir, den ich wirklich gerne gehen würde.

Deshalb lege ich eine Rast ein, wo ich eben gerade bin. Eine Rast, um mich umzuschauen, wo ich hingelangt bin, seit ich im Januar gestartet bin. Was waren die Stationen bisher? Was hat das schreibend unterwegs sein für mich verändert?
Ich mag auch genauer nachzuschauen, ob und wie sich meine Motivation und meine Motive für mein Schreiben verändert haben. Es ist Zeit für ein Zwischen-Fazit.

Ein Fazit ist: Ich kann im Moment noch nicht die Texte über meine Tochter-Mutter-Beziehung schreiben, die ich gerne veröffentlichen würde. Schreiben ja, Veröffentlichen nein.

 



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