Hör auf, mir Druck zu machen! – Antwort 41

Hör auf, mir Druck zu machen! – Antwort 41

Nein, im Moment tue ich nicht sehr oft, was mir die größte Freude macht!  Und ich habe keine Lust, dauernd daran erinnert zu werden. Noch weniger mag ich das Gefühl vermittelt bekommen, dass ich doch nur selber schuld dran bin.

Die Coachin ist sauer

Das Versprechen war schließlich: „Anything goes“. Wenn ich nur immer weiter an mir arbeite. Techniken lerne. Mir aneigne, wie ich „Tools“ oder Werkzeuge benutze. Dann ist es möglich, dass ich jederzeit das tun kann, was mir Freude macht. Irgendwie hat das gefälligst zu klappen.

Und jetzt muss ich feststellen: Es geht gerade nicht. Und das hat weder mit einem inneren Saboteur noch mit einem inneren „Schweinehund“ zu tun. Auch nicht mit falschen Prioritäten setzen oder mangelhaftem Zeitmanagement. Es hat nichts mit irgendetwas zu tun, wofür ich einen Kurs kaufen muss, um so zu „wachsen“, dass es doch geht.

Das Leben will was anderes als ich

Durch Corona haben wir alle die Erfahrung gemacht, wie schnell wir die Kontrolle darüber verlieren können, was wir tun oder eben nicht tun können. Dann will das Leben etwas anderes von mir, als ich mir das vorgestellt habe. Dann geht es nicht darum, das zu tun, was mir die größte Freude macht. Dann geht es darum, das zu tun, was gerade ansteht und getan werden muss. Das nennt man dann gemeinhin „Krise“.

Grundlegende Organisationsfähigkeiten helfen dann natürlich, um den Kopf oben zu behalten; emotionale Regulierungsfähigkeiten sind enorm praktisch, um möglichst gelassen und ruhig zu bleiben und sich nicht von Befürchtungen auffressen zu lassen.

Gut für mich sorgen ist wichtiger

Viel wichtiger ist es, in solchen Krisenzeiten gut für mich zu sorgen. Damit meine ich ganz Grundlegendes wie genug Ruhepausen und Schlaf – auch wenn die Aufgaben drängend erscheinen.  Und wirklich wohltuendes Essen. Aber auch da bloß keinen zusätzlichen Stress. Emotionale Regulation durch Essen wirkt. Warum sollte ich dieses wertvolle Werkzeug aus der Hand geben?
Sich möglichst einfach um sich kümmern, nichts Aufwendiges, was unter dem fordernden Label „Self-Care“ laufen würde. Für mehr reicht die Kraft sowieso nicht. Jedenfalls ist das bei mir so.

Die größte Freude steht dann nicht ganz oben auf der Liste

„Die größte Freude“ steht dann eben nicht ganz oben auf der Agenda und das ist auch OK so. Kein Grund sich deswegen die womöglich gerade ungewaschenen Haare zu raufen. Auf gar keinen Fall will ich mich dafür schämen müssen, dass ich das alles nicht „genug im Griff habe“. Also lass mich in Ruhe mit so blöden Fragen wie „Wie oft tust du, was dir die größte Freude macht?“

Nichts erzwingen

Und es zwingen zu wollen, verleidet mir am Ende vielleicht sogar das, was ich gerne tue. Das Hirn tickt leider so. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass Krebskranke ihr früheres Lieblingsessen nicht mehr mögen. Sie haben es gegessen, um „sich was Gutes zu tun“, während sie Chemo bekommen haben. Das Hirn hat dann aber leider „gelernt“: Lieblingsessen gleich Mistsituation. Und wenn alles vorbei ist, ist die Assoziation immer noch da. Und aus dem Lieblingsessen ist ein Abneigungsessen geworden. Wie blöd ist das denn, bitte?

Vorfreude kultivieren?

Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich Lust und Muße für all das habe, was mein Herz höher schlagen lässt. Jetzt ist eben gerade nicht die Zeit.
Das zu akzeptieren, ist der schwierige Teil dabei. Ich korrigiere: Der sau-schwere Teil dabei! Meistens stört mich mein Ego bei dieser hoch-gelassenen Weltanschauung. Es zickt rum und wird wütend: Warum kann ich nicht? Warum muss ich das durchmachen? Warum klappt das nicht? ICH WILL ABER!!!

Wenn ich es schaffe, dieses Gezicke weitestgehend zu ignorieren -es sind schließlich nur Gedanken- wird es insgesamt ruhiger in mir. Dann kann ich weiterhin einigermaßen handlungsfähig bleiben und damit fühle ich mich insgesamt wieder etwas besser. Es ist trotzdem oft noch ein kräfteraubendes Hin-und-Her.

Aber manchmal kann ich das alles tatsächlich austricksen. So wie jetzt gerade!
Ich habe getan, was mir große Freude macht: Ich habe diesen Text geschrieben.

 



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