60 Fragen – Antwort 4

60 Fragen – Antwort 4

Ein Abend daheim allein oder mit jemand anderem.

Was machst du anders?

Im Bücherschrank meiner Omi stand ein dickes Buch, in das ich oft hineingeschaut habe. Die Fotos darin haben mich als Kind und Teenie sehr gefesselt. Alle Menschen auf den Bildern schauten so sortiert und ordentlich aus. So als hätten sie alles im Griff. Es war unvorstellbar, dass der Petticoat verrutschen oder der Hut schief auf dem Kopf sitzen würde. Die Damen trugen Kleider oder schicke Schneiderkostüme. Auf der Straße immer Hut und Handschuhe dazu. Die Herren waren in Anzug, Krawatte und ebenfalls Hut unterwegs. Das Buch hat mir verraten, dass es möglich ist, alles richtig zu machen. Man muss nur die Regeln kennen und sich daran halten. Alle an dieselben Regeln, dann gibt es keine Probleme und man wird nicht schief angesehen. Das hat mir damals eingeleuchtet.

Es wurde auch empfohlen, sich den Abendbrottisch schön einzudecken, auch wenn man alleine leben würde. Dieses Kapitel war ausdrücklich an Junggesellen gerichtet. Die Damen lebten entweder nicht alleine oder man musste ihnen das nicht extra erklären. Sie waren sowieso häuslich und immer adrett.

Es gab auch dort eine Abbildung: An einem Tisch saß ein junger Mann, mit Hemd und Krawatte, gerade dabei die Serviette in den Kragen zu stecken. Gleich würde er zum Besteck greifen und die appetitlich mit sauren Gurken hergerichtete Brotschnitte verzehren, die vor ihm auf dem schlichten Teller lag. Dazu würde er ein gepflegtes Bier trinken, das er sich ebenfalls schon eingeschenkt hatte. Bestimmt ginge er anschließend ins Wohnzimmer, um dort mit einem guten Buch und einem Glas Weinbrand den Tag zu beschließen. Bequem in einem Sessel unter einer Stehlampe sitzend. Zufrieden, weil er gut für sich gesorgt hatte und sich nicht „gehen gelassen“ hatte. Das, was er gestalten konnte, hatte er so gemacht, dass es ihm guttat.

Noch heute gefällt mir etwas an der Ruhe und Bestimmtheit, die diese Szene  ausstrahlt. Da gibt es eine zeitlose Qualität von Selbstwertschätzung und Würde. Heute gibt es das auch, man nennt es eben „Self-Care“.  Mach dir eine bunte, vegane Buddha Bowl und richte sie schön her. Nur für dich. Vielleicht sogar mal ohne Instagram Post. Weil es gut tut, sich etwas Mühe für sich selbst zu geben. Weil es signalisiert, dass ich mir selber wichtig bin. Ich habe noch Energie übrig, um mich gut zu regenerieren und wirklich auszuruhen. Ich bin achtsam, so dass nicht immer so müde nach Hause kommen, dass ich nur noch wie Gemüse auf dem Sofa sitzen kann. Oder eher wie Chips und Eiscreme und Streaming.

Ob der Junggeselle im Buch das an jedem Abend so geschafft hat, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht sind im Abende auch mal einfach so passiert. Mit Stulle aus der Hand im Stehen in der Küche. So wie das mir an alltäglichen Abenden mit mir selbst oder meinem Mann auch passiert. Ich denke nicht so viel darüber nach, wir haben eben unsere Routinen. Je müder ich bin, desto größer ist außerdem die Wahrscheinlichkeit, vor dem Fernseher wegzusacken. Dann lasse ich mich berieseln. Muss nichts mehr entscheiden, warte darauf, dass ich müde genug werde, um ins Bett umzuziehen.

Manchmal tut es mir um diese Abende dann doch etwas leid. Sie hinterlassen einen faden Geschmack wie langweiliges Essen von der Fastfood-Bude. Ich fühle mich nicht mehr hungrig und doch nicht wirklich satt. Nicht mehr müde, aber eben auch nicht belebt und erholt.  

Es ist schon seltsam, wie es der Autopilot in meinem Kopf schafft, mich um die guten Sachen zu betrügen. Das angefangene Kreativ-Projekt (weiter) verfolgen. Eins der Bücher vom ewigen Noch-zu-lesen-Stapel fischen und lesen. Einfach nur daliegen und bei schöner Musik schon ein bisschen vorträumen. Ein „Home-Date“ mit meinem Mann haben. Endlich eine dieser Sachen tun, die ich „schon immer mal“ tun wollte. Wenn ich doch nur mehr Zeit hätte.

Ich glaube, ich finde beides gut: Routine & Co ist wichtig für Sicherheit und Energiesparmodus. Abhängen, ohne groß nachzudenken ist großartig. Das andere verschafft mir Freude und eine schöne Erinnerung, die die Zeit strukturiert und verhindert, dass Wochen und Monate gleichförmig einfach wegfließen, ohne Spuren zu hinterlassen. Wo ist der Sommer eigentlich hin?

Eine Antwort, die mir gefällt ist: Ich mache gar nichts anders. Ich mache mir immer einen schönen Abend und sorge gut für mich. Egal, ob ich alleine bin oder mit jemand anderem zusammen.

 

 

 



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