Statt Angst lieber Courage haben – Antwort 33

Statt Angst lieber Courage haben – Antwort 33

Meine Angst und ich, wir mussten uns erst langsam wieder miteinander anfreunden, nachdem wir über lange, lange Zeit gar nicht gut miteinander auskamen. Ich fand sie einfach nur nervig. Sie sollte gefälligst weg bleiben.

Angst war etwas, das mir im Weg stand, lästig war, dafür sorgte, dass es mir nicht gut ging, sich blöd anfühlte und sonst gar nichts. Am besten hatte man keine oder wenn, überging man sie idealerweise. Dann konnte mal als mutig gelten. Das habe ich schon in meiner Ursprungsfamilie so gelernt. Aber nicht nur dort.

So ähnlich, wie das ja auch die Frage impliziert. – Angst überwinden ist gut.

Wobei: Ging es damals wirklich ums aktive damit Auseinandersetzen und Verstehen oder eher ums Ignorieren, Bagatellisieren, Verdrängen oder Bekämpfen?

Vom Ignorieren, Bagatellisieren und Verdrängen

Heute glaube ich, dass es tatsächlich eher um Letzteres ging. – Alles Mechanismen, um den unangenehmen Angstgefühlen aus dem Weg gehen zu können.

Ist doch nicht so schlimm! Was soll schon passieren? Da komme ich mit klar. Stell dich nicht so an!

Mut war in diesem System etwas, was ich brauchte, um etwas zu tun, das ich aus Angst nicht tun will.

Leider geht dabei die wichtige Funktion der Angst verloren: Warnen, dabei helfen zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind, wo Risiken versteckt sind.

Nicht jedes Zögern ist Feigheit, sondern ein Signal, das es wahrscheinlich noch etwas zu klären gibt. Oder das noch nicht der richtige Zeitpunkt da ist. Vielleicht gibt es vorher auch noch etwas zu lernen.

Gelassener ängstlich sein

Dadurch, dass ich meine Ängste meistens weggedrückt oder heldenhaft bekämpft habe, war die Vorstellung, mich mal in aller Ruhe mit ihnen hinzusetzen, eher abwegig. Ich habe das aber inzwischen geübt. Mit der Angst dasitzen und mich selbst dabei beobachten.

Diesen winzigen Abstand zwischen mich und meine Gefühle bringen, so dass ich sie beschreiben kann. Ich fühle, … – Ein Teil von mir fühlt, …

Oft habe ich das auch schriftlich gemacht. Sowieso meine Lieblingsmethode für quasi alles. Ganze Notizbücher habe ich damit vollgeschrieben, wie ätzend sie sich anfühlt, meine Angst. Habe mich lang und breit darüber ausgelassen, was genau mir Angst macht. Habe seitenlang versucht, herauszufinden, was realistischere Risikoabschätzungen sein könnten. Habe herausgetüftelt, wo die „großen Gefühle“ nicht so ganz mit der jetzigen Situation zusammenpassen.

Ein zeitraubender Prozess und noch lange nicht zu Ende.

Hält mich Angst im Moment von etwas ab, das ich gerne tun will?

Der Witz ist, dass ich das nicht mit Bestimmtheit sagen kann. Deshalb auch die lange Vorrede. 😊

Ich tue jedenfalls reichlich Dinge, die für mich Courage erfordern.
(Das Wort „Courage“ gefällt mir im Übrigen besser als „Mut“.
Es kommt vom französischen „cœur“ für Herz, das wiederum auf dem lateinischen „cor“ beruht. Für die Sprachnerds … 😉)

Ich muss mir zum Beispiel ein Herz fassen, um Blogposts wie diesen hier zu schreiben.
Oder die anderen Artikel für die „Wilde Reise“. Überhaupt regelmässig zu bloggen!
Oder einen Roman zu schreiben und das Expose an einen Literatur-Agenten zu schicken.
Oder mein „Geheimprojekt“ zu starten, für das ich in der kommenden Woche allen Ernstes einen Termin beim Oberbürgermeister habe. [Schluck!!!]

Das heißt aber nicht, dass ich keine Angst mehr habe und stattdessen nur noch Courage fühle. Das habe ich mir früher so vorgestellt.
Stattdessen ist es eine ziemlich aufregende und anregende Mischung aus allem Möglichen:
Angst, Bammel, positive Aufregung, Vorfreude, Spannung, Nervosität.

Manchmal schlafe ich nicht gut. Manchmal rast das Herz. Doch das ist alles temporär. Und ich nehme es nicht mehr ganz so ernst.

Es fühlt sich sehr lebendig an.

  Courage ist nicht die Abwesenheit von Angst: Courage ist Angst, die geht.

Wichtiger als die Angst

Aus dem Wunsch, etwas mir Wichtiges zu tun, erwächst die Kraft, die Angst (und alles andere) da sein zu lassen, ohne dass sie mich lähmt.
Und das finde ich ziemlich großartig.

Spannenderweise kostet das Tun dann viel weniger Energie, als wenn ich auch noch meine Angst bekämpfen müsste.

Es kann sein, dass ich mir doch noch an irgendeiner Stelle in die Tasche lüge. Das mag so sein. Doch das macht nichts.
Ich glaube, dass es eben noch ein bisschen mehr Lernen braucht, bis ich wirklich an allen mir wichtigen Stellen couragiert handele.

Es muss nicht alles sofort passieren.
Und ich werfe mir meine Angst nicht mehr vor.
Ich glaube auch nicht mehr, dass ich mir meine Stärke beweisen muss, indem ich meine Angst unterwerfe.
Das ist vielleicht auch noch wichtig.

Und es ist auch OK, etwas aus Angst nicht zu tun. Nein zu sagen.
Manche meiner Grenzen können auch einfach bestehen bleiben.
Sie sind aus einem guten Grund da. Und das ist in Ordnung.
Ich bin kein grenzenloser Mensch und will das auch gar nicht sein.

Zitat: Courage ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondenr die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.  

 

 

Disclaimer – Angststörung

In diesem Artikel geht es um den Umgang mit eher alltäglichen Ängsten.
Wenn du eine Angststörung hast oder befürchtest, eine zu haben, suche bitte therapeutische Hilfe.

Einen Ersttermin kannst du schnell unter Telefon 116 117 bekommen.



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