60 Fragen – Antwort 12

60 Fragen – Antwort 12

Welche Unsicherheit könntest du mit Geld beheben?
Rundum abgesichert

Hausrat, Feuer, Sturm, Einbruch, Berufsunfähigkeit, Rechtschutz – die Liste der Desaster, gegen die man sich versichern kann, ist endlos. Das Absichern von Unsicherheiten hält eine ganze Branche am Leben. Mit einem geschätzten Umsatz von 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2019.

Ich kann also gewisse Verluste mit Geld kompensieren, die durch Schicksalsschläge entstehen. Und mit Geld kann ich tatsächlich einiges ausgleichen. Mein finanzielles Polster hilft ungemein, damit ich mit einer gewissen Gelassenheit in die ungewisse Zukunft blicken kann.

Welche Unsicherheit kann ich also beheben?

Ich kann mich gegen die Zerstörung oder den Verlust meines Besitzes absichern. Ich kann mir dann Ersatz kaufen für das, was verloren gegangen ist. Jedoch habe ich dann nur neue Gegenstände sonst nichts. Erinnerungsstücke oder Erbstücke sind nicht mit Geld zu ersetzen. Die Kette, die ich zum Abitur von meiner Mutter geschenkt bekommen habe, wäre nicht zu ersetzen. Wenn ein Feuer alles vernichtet, ist nicht nur der Besitz verschwunden, sondern auch Teile der eigenen Identität und Lebensgeschichte. Unsere Gegenstände sind oft Verlängerungen unseres Ichs, ob uns das gefällt oder nicht. Ideelle Verluste kann ich nicht ersetzen, um diese Verluste muss ich trauern.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung habe ich natürlich auch abgeschossen, um mich gegen den Verlust meiner Arbeitskraft abzusichern. Einen geringen Teil des Geldes, das ich durch meine Arbeit verdienen würde, bekomme ich im Fall der Fälle ersetzt. Das ist gut.
Nicht zu ersetzen ist aber das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen oder die Freude, die mir meine Tätigkeit macht. Für eine Weile habe ich schon einmal aus gesundheitlichen Gründen auf einen Teil meiner Leistungsfähigkeit verzichten müssen. Das war eine schwierige Zeit. Dazu kam noch die Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sehr stark darauf fokussiert, wie produktiv man ist. Und wer nicht produktiv ist, ist nicht viel wert. Das nagte gehörig am Selbstwertgefühl.

Ich kann mir mit Geld unter Umständen die bessere medizinische Versorgung sichern. Das ist ungerecht, aber trotzdem Fakt. Und gleichzeitig hilft mir Geld nicht bei der emotionalen Bewältigung von Krankheit oder gar dem drohendem Tod. Die Angst vorm Sterben verbindet uns alle.

Geld kann mir meine finanzielle Unabhängigkeit von meinem Lebenspartner sichern, jedoch hilft es nicht gegen das Zerbrechen einer Beziehung und die darauf folgende Trauer und Einsamkeit.

Und ob etwas passiert, dagegen kann ich mich sowieso nicht absichern. Da wiegt mich Geld höchstens in einer falschen Sicherheit. Allerdings sorgt ein finanzielles Polster dafür, ob ich mehr oder weniger hart in der Realität aufschlage.

Wer schon Geldsorgen hat, der ist damit beschäftigt, die Gegenwart zu sichern. Da kommen die Sorgen um Ungewissheiten auch noch dazu.  Da ist das Leben manchmal doppelt ungerecht: Erst hast du kein Geld und dann kommt noch das Schicksal um die Ecke. Das ist so richtig Mist.

Leiden Reiche also weniger?

Ich glaube, dass das schon die falsche Frage ist, denn Leid ist weder quantifizierbar noch vergleichbar. Reichtum darf nicht als Mitgefühlverweigerungs-Grund herangezogen werden.

Mich erinnert das an die Leidensolympiade in meiner Familie. Sieger war definitiv meine Großmutter mütterlicherseits, die hatte Flucht und Krieg überstanden und war darüber verbittert. Gegen diese Leidenskategorie fiel jeder Schmerz meiner Mutter völlig ab. Und das sagte meine Oma ihr auch. Und im Gegensatz zu den Schwierigkeiten meiner Mutter war alles, was mir zustieß auch wieder pillepalle. Im wahrsten Sinne des Wortes Kinderkram. Und auch sie sagte mir das. Öfters. Gerne mit dem Zusatz: „Du hast doch alles! Das kann so schlimm doch nicht sein.“ Und mein Kinderzimmer war wirklich voller Kuscheltiere. Sie war die Erwachsene, sie musste also recht haben.

Und genau dieser Satz stört mich immer noch sehr. Er taucht gerne im Kontext von #firstworldproblems auf oder mit hämischem Unterton, wenn die Probleme vermeintlich wohlhabender Menschen abgetan werden.

Wie arm muss jemand sein, damit er oder sie unser Mitgefühl verdient hat?

Alle Menschen haben das Bedürfnis danach, wirklich gesehen zu werden. Gerade schwierige Gefühle wie Trauer, Schmerz, Wut und Angst brauchen Zeugen, die weder urteilen noch alles möglichst schnell wieder „in Ordnung“ bringen wollen.

Was sollten Reichtum oder Armut damit zu tun haben?

Wie wäre es, wenn… ein bisschen träumen

Wie wäre es, wenn wir in einer Welt leben würden, in der wir unser Leid nicht mehr miteinander vergleichen, um zu entscheiden, wer mehr Mitgefühl verdient hat oder wem wir es entziehen.
In dieser Welt hätten wir verstanden, dass Mitgefühl keine endliche Ressource ist, sondern unbegrenzt zur Verfügung steht. Niemand muss es sich erst verdienen und jeder verschenkt es an alle, die es brauchen.

Und wie wäre es, wenn wir in einer Welt leben würden, in der alle Menschen Zugang zu all den Ressourcen haben, die sie brauchen, um mit schwierigen Lebenssituationen möglichst gut fertig zu werden. Denn das Leben ist schon ungerecht genug.

 

 

 



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