Gefühle, diese haarigen Monster – Mittwochsblog

Gefühle, diese haarigen Monster – Mittwochsblog

Der Februar steht unter dem Motto „Der Autopilot hat Mist gebaut“ und es wird um Intuition, irreführende Bauchgefühle und dämliches Krisenmanagement gehen.

Und als allererstes müssen wir über Gefühle reden.
Wir starten also endlich mit dem heftigen Zeug.

Diesen vier persönlichen Mythen hier verdanke ich jede Menge Ärger. Ich werde noch öfter darüber reden, wie sehr mich Mythen und falsche Glaubenssätze rund um das Thema Gefühle in die Irre geführt haben. Im Grunde ist das der Schlüssel zu allem.

Fangen wir also am Anfang an:

Mythos 1

Bis vor ungefähr zehn Jahren und oft auch noch danach, war ich von einer Sache felsenfest überzeugt: Wenn ich erst einmal meine Gefühle fest im Griff und unter Kontrolle habe, werde ich ein glückliches und zufriedenes Leben führen.

Sobald Wut, Traurigkeit und Angst weg wären, wäre alles gut. Dann wäre da nur noch Freude, Glück, Geduld und Gelassenheit. Ist ja auch irgendwie logisch. Mach das Dunkle weg, dann bleibt Licht übrig.

Wie soll es auch anders sein?! Ich habe mich also angestrengt, um nur noch fröhlich und gut gelaunt zu sein. Zu diesem Mythos gehören Affirmationen, Glücksanziehungswerkzeuge und viel Positivitätsdenke.

Entspannungsübungen mit demselben Ziel habe ich auch versucht. Die haben nicht geklappt, also habe ich mich noch mehr geplagt, sie trotzdem zu machen. „Alle“ sagen, dass das richtig ist, also muss es an mir liegen.

Es muss daran liegen, dass ich es nicht genug will, dass ich mich nicht genug anstrenge. Heute ist mir klar, warum ich mich mit diesem Regime nicht besser gefühlt habe.

Auf die Idee, dass es gute Gründe für meine Traurigkeit, meine Angst und meine Wut geben könnte, bin ich nicht gekommen. Es war doch alles in Ordnung: Ich hatte einen tollen Job, eine gute Ehe, eine schöne Wohnung, genug Geld und Möglichkeiten es auszugeben. Ich konnte reisen, hatte Freunde und Hobbies. (Na gut, nicht so viel Zeit dafür, aber so geht es doch schließlich jedem, oder? Gestresst sind wir doch alle!?)

 

Mythos 2

Weil nichts wirklich half und es mir nicht dauerhaft besser ging, habe ich weiter gegraben und gelernt: Gefühle haben immer eine Ursache und sie haben damit immer Recht. Wenn ich also auf mein unverfälschtes authentisches Bauchgefühl höre, wird mein Leben immer besser werden. Spoiler-Alarm: Klappte nicht.

Denn damit habe ich meine Gefühle zu meinen Chefs gemacht und das war eine der -sagen wir mal- unglücklichsten Ideen, die ich haben konnte. Nur so viel: Gefühle sind prima Dienstleister, aber lausige Bosse.

Heute weiß ich: Gefühle sind Wegweise, Informationen, Hinweise. Oder gute Freunde und Ratgeber. Und zwar alle.

Wut, Traurigkeit, Angst, sogar Scham und Einsamkeit haben mir etwas Wichtiges zu sagen. Aber sie sind nur Teil des Ganzen, nicht die Bestimmer. Dazu sind sie oft viel zu ambivalent.

 

Mythos 3

Gefühle alleine können mir nicht sagen, was ich tun soll. So einfach ist das.
Wenn wir nur Gefühle bräuchten, hätte uns die Evolution nicht mit einem Bewusstsein und einer Vernunft ausgestattet. Dann wären wir auch ohne das erfolgreich als Spezies geworden.

Gefühle könne genauso irren, wie sich die Vernunft irren kann.
Auch das „Herz“ ist als alleinige Instanz nicht zu gebrauchen.

 

Mythos 4

Wir können Gefühle regulieren, wenn sie erst einmal da sind.
Wir können auch unsere Handlungen steuern, also kontrollieren, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen.

Das schon. Also meistens jedenfalls. Es gibt aber sogar auch Gegebenheiten, in denen das sehr, sehr schwierig sein kann. Beispielsweise wenn das Gehirn durch starken Stress in einem sehr eingeschränkten Handlungszustand feststeckt.

Manchmal können die kontrollierenden, bewussten Hirnregionen dadurch regelrecht „ausgeknipst“ sein. Und wir merken das noch nicht einmal, sondern sind immer noch überzeugt, dass wir rational, vernünftig und besonnen handeln. Diese Erkenntnis hat mich zunächst ziemlich beunruhigt.

(Ich schreibe nochmal ausführlicher darüber, wie unser Gehirn aufgebaut ist und wie es sein kann, dass unsere uralten „Reptiliengehirn“-Anteile so dermaßen unverschämt die Kontrolle übernehmen können.)

 

 

Heute sehe ich meine Gefühle in einem anderen Licht. Sie sind vor allem keine Monster, gegen die ich mich verteidigen muss. Wir haben uns mit viel Streiten, Diskutieren und Lernen über die Jahre angenähert und schliesslichn angefreundet. Das finde ich schön.

Gefühle sind meine Ratgeber.
(Manchmal etwas sehr eigensinnig und stur, leider. Keine Ahnung, von wem sie das haben…)

Gefühle liefern wertvolle Informationen über die Realität. Sie sind aber nicht die Realität.
(Das sehen sie leider auch oft anders. Seufz!)

Gefühle zu navigieren ist eine Kunst, die immer wieder Üben erfordert. 
(Sie haben eben ihren eigenen Ideen und Ziele.)

Ich bin noch lange nicht „fertig“ mit dem Thema Gefühle. Und ich glaube, das wird so schnell auch nicht passieren.
Sie sind eben immer da, wandeln sich, schillern und machen mein Leben lebendig.

Nächste Woche wird es um „Intuition“ gehen und warum die auch oft versagt.

Weiterführende Ressourcen:

Diese Frauen vor allem haben mir zuerst mit ihren TED Talks und dann ihren Büchern geholfen, mit meinen Gefühlen ins Reine zu kommen: Brené Brown, Susan David, und Lisa Feldman Barrett.

Von ihnen (und einigen anderen) habe ich eine Menge darüber gelernt, was Gefühle sind, wo sie herkommen und was man mit ihnen sinnvollerweise anfangen kann.

Hier die Links zu ihren Videos:

https://www.ted.com/talks/brene_brown_the_power_of_vulnerability/transcript  

https://www.ted.com/talks/susan_david_the_gift_and_power_of_emotional_courage

https://www.ted.com/talks/lisa_feldman_barrett_you_aren_t_at_the_mercy_of_your_emotions_your_brain_creates_them

 

Und die Quintessenz dessen, was ich heute über den Umgang mit Gefühlen weiß, hat Jeff Foster in einem Gedicht wunderbar zum Ausdruck gebracht.
(Danke an Sandra Mandl für den Tipp heute auf IG. Das hat gepasst! 😊)

 

HOW I BECAME A WARRIOR

Once, I ran from fear
so fear controlled me.
Until I learned to hold fear like a newborn.
Listen to it, but not give in.
Honour it, but not worship it.
Fear could not stop me anymore.
I walked with courage into the storm.
I still have fear,
but it does not have me.

(Hier geht’s weiter…)

(Ich würde nur gerne den Titel ändern wollen in „How I became human“… aber das ist nur meine Idee.)

Hier der Link zum Video, in dem er den Text vorliest.

https://youtu.be/VSP6WvRvww0

 

 

 

 

 



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